EN:
Space is never neutral. It is not simply there, not simply empty. Every space carries a history within it, a language of norms and expectations that determines whose presence is taken for granted and whose presence must be explained, proven, defended. To take up space therefore means far more than the mere occupation of a physical place. It means making one’s own needs and values visible where they are supposed to remain invisible.
A space speaks. Not with words, but with things, with arrangements, with what it shows and what it conceals. When I enter a space, I perceive it with all my senses. What I hear, what I see, what I smell and what I feel.
This becomes apparent even in the smallest, most everyday things. A glance into a place that is not really visible, and for that reason almost intimate and personal: the trouser pocket. In a small class survey, I asked my fellow students what they carry on their bodies close to them. Phone, wallet, wireless earbuds, keys, bike lights, a piece of straw, loose coins, rubbish, lighters, vapes, lip balm, one-time-code tags for work. Some had no pockets at all, or ones far too small: the trousers from the “women’s section”. Research suggests that oversized pockets on women are considered unflattering. A minor detail, one might think. But it says something fundamental: the emphasis on the body in service of sexualisation takes precedence over functionality – over the ability to carry valuables on one’s person: my keyring, to open workspaces, to secure my home – or the tool that gives me a sense of being slightly safer late at night, when I grip it between my fingers walking home alone.
The wallet, holding coins, notes or a bank card – allows me to exchange money for food or tools. It also carries my health insurance card, for when my body no longer functions the way I know it to. And my ID, which can prove who I am.
What does it mean to be constantly confronted with the fact that spaces were not built for you? You carry the awareness of that difference with you; you feel like an alien: foreign, out of place, other. Not made for this world, or in this context, not made for this space. Historical examples, such as the first women to ride bicycles, illustrate this experience of estrangement. It is especially hard when you have no, or very few, fellow aliens. You often feel misunderstood: Just get a handbag. It’s only a few extra minutes waiting for the toilet. Just wear a belt with that oversized work trousers. Don’t be angry, don’t be loud. All of this costs energy. Energy I would rather put into what actually matters to me.
Others share similar experiences: people and beings whose bodies or identities do not conform to society’s norms.
So often I ask myself: wouldn’t it simply be easier to return to the planet made for me? To care, to organise, to be emotionally present for others. Work that is enormously relevant to how we live together – and that still receives far too little recognition.
And yet, looking at the alien image once more, one realises: the idea of two separate planets does not hold.
While the image of the alien captures the experience of estrangement, another image opens up the possibility of change: the construction site.
Over the years, we have built infrastructure in our cities – houses, roads, and much more. We have created big things. Today, however, we are realising that technological progress has changed us, and that our needs have shifted. Tearing cities down entirely and rebuilding them from scratch seems neither practical nor sustainable. What is needed instead is a conscious deconstruction – a deliberate making of space. This requires the participation of everyone involved. And yes, it may be tempting to simply keep building, to keep growing. But perhaps it is time to pause: to look at what we have, what is worth keeping, what we want to change – and to accept that nothing is ever “finished”. Everything is merely a prototype, meant to be questioned again and again.
Space that opens itself to everyone does not grow smaller. It becomes different. It becomes richer, louder, more contradictory, more alive. It gains the sound of presence.
DE:
Raum ist nie neutral. Er ist nicht einfach da, nicht einfach leer. Jeder Raum trägt eine Geschichte in sich, eine Sprache aus Normen und Erwartungen, die bestimmt, wessen Anwesenheit als selbstverständlich gilt und wessen Anwesenheit erklärt, bewiesen, verteidigt werden muss. Raum einzunehmen bedeutet daher weit mehr als das bloße Besetzen eines physischen Ortes. Es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse und Werte sichtbar zu machen, dort wo sie eigentlich unsichtbar bleiben sollen.
Ein Raum spricht. Nicht mit Worten, sondern mit Dingen, mit Anordnungen, mit dem, was er zeigt, und dem, was er verschweigt. Wenn ich einen Raum betrete, nehme ich ihn mit allen Sinnen wahr. Was ich höre, was ich sehe, was ich rieche und was ich fühle.
Das zeigt sich auch im Kleinsten, im Alltäglichsten. Ein Blick in einen Ort, der nicht wirklich sichtbar ist und dadurch fast schon intim und persönlich wirkt: die Hosentasche. In einer kleinen Klassenbefragung fragte ich meine Kommilitoninnen, was sie so an ihrem Körper – also nahe bei sich – tragen. Handy, Portemonnaie, kabellose Kopfhörer, Schlüssel, Fahrradlichter, ein Stück Stroh, einzelne Münzen, Müll, Feuerzeuge, Vapes, Lippenbalsam, Einmalcode-Anhänger für die Arbeit. Einige hatten auch keine oder viel zu kleine Hosentaschen – die Hosen aus der „Frauenabteilung”. Recherchen zufolge gelten zu große Hosentaschen bei Frauen als unförmig. Eine Kleinigkeit, möchte man meinen. Aber sie sagt etwas Grundlegendes: Die Betonung des Körpers, die der Sexualisierung dient, hat einen höheren Stellenwert als die Handlungsfähigkeit – als die Möglichkeit, Wertsachen am Körper tragen zu können: meinen Schlüsselbund, um Arbeitsräume zu öffnen, mein Zuhause zu sichern – oder auch das Werkzeug, das mir spät abends das Gefühl gibt, etwas sicherer zu sein, wenn ich es zwischen meine Finger klemme und alleine nach Hause gehe.
Die Geldbörse, die Münzen, Scheine oder eine Bankomatkarte enthält, ermöglicht es mir, Nahrung oder Werkzeuge gegen Geld zu tauschen. Sie trägt auch die Krankenversicherungskarte, falls mein Körper gerade nicht mehr so funktioniert, wie ich es kenne. Und meinen Ausweis, der meine Identität nachweisen kann.
Was heißt es, wenn man ständig damit konfrontiert ist, dass Räume nicht für einen gebaut sind? Man trägt das Bewusstsein dieser Differenz mit sich, man fühlt sich wie ein Alien: fremd, nicht zugehörig, anders – nicht für diese Welt, oder in diesem Kontext: nicht für diesen Raum gemacht. Historische Beispiele – etwa die ersten Frauen, die Fahrrad fuhren – verdeutlichen diese Erfahrung der Fremdheit. Das ist besonders schwer, wenn man keine oder nur wenige weitere Aliens hat. Man fühlt sich oft nicht verstanden: Kauf dir doch eine Handtasche. Das sind doch nur ein paar Minuten länger Warten vor dem Klo. Zieh dir einen Gurt an für die viel zu große Arbeitshose. Sei nicht wütend, sei nicht laut. All das kostet Energie – Energie, die ich lieber in das stecken würde, worum es mir wirklich geht.
Ähnliche Erfahrungen machen auch andere Menschen und Spezien, deren Körper oder Identitäten nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen.
So oft frage ich mich dann: Wäre es nicht einfacher, auf den Planeten zurückzukehren, der für mich geschaffen ist? Sich kümmern, organisieren, emotional für Menschen da sein. Arbeiten, die gesellschaftlich enorm relevant für unser Zusammenleben sind – und denen dennoch zu wenig Anerkennung zukommt.
Doch wenn man das Bild des Aliens noch einmal betrachtet, merkt man: Die Vorstellung zweier getrennter Planeten geht nicht auf.
Während das Bild des Aliens die Erfahrung der Entfremdung beschreibt, eröffnet ein anderes Bild die Möglichkeit der Veränderung: die Baustelle.
Über Jahre haben wir in Städten eine Infrastruktur aufgebaut – Häuser, Straßen und vieles mehr. Wir haben Großes erschaffen. Heute merken wir jedoch, dass der technologische Fortschritt uns verändert hat und unsere Bedürfnisse andere geworden sind. Städte vollständig abzureißen und neu zu bauen erscheint wenig nachhaltig. Was es braucht, ist eine bewusste Dekonstruktion – ein bewusstes Platzschaffen. Dabei müssen alle Beteiligten mitwirken. Und ja, es mag verlockend sein, einfach weiterzubauen, weiterzuwachsen. Aber vielleicht ist es an der Zeit innezuhalten: zu schauen, was wir haben, was schön ist, was wir verändern wollen und zu akzeptieren, dass nichts „fertig” ist. Alles ist bloß ein Prototyp und soll immer wieder hinterfragt werden.
Raum, der sich für alle öffnet, wird nicht kleiner. Er wird anders. Er wird reicher, lauter, widersprüchlicher, lebendiger. Er gewinnt das Geräusch der Anwesenheit.
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